English Translation here.
Ich öffnete meine Augen. Die frisch gewaschene Decke hüllte mich bis zur Nasenspitze ein. Das Kissen bettete mich nach all den Nachtstunden immer noch weich. Ein milder toskanischer Sommerwind kroch durch das offene Fenster, streifte langsam durch meine Haare, hielt kurz inne und kehrte dann zum Fenster zurück. Dort spielte er mit den Vorhängen, welche er in der Nacht vorsichtig beiseite gedrückt hatte. Der Wind war ruhelos. Beinahe, als wenn er die langsam erwachende Stadt aus ihrem Schlaf schütteln wollte. Durch das geöffnete Fenster konnte ich sie atmen spüren. Die Sonne stand schon knapp über dem Horizont. Und das frühe Licht des Morgens flutete allmählich den Raum. Alles wirkte frisch und neu. Der Regen der letzen Nacht war vergangen. Seine Tropfen fanden sich nur noch in den Köpfen derer wieder, die sehnlichst mit seinem Geräusch eingeschlafen sind und nun langsam den Tag begrüßten. Das Haus, in dem ich mich befand, wurde von der Zeit mit Sorgfalt bejahrt. Das Zimmer war geräumig und freundlich. Ich beschloß, den Tag zu begrüßen und stand auf. Der Holzboden unter meinen Füßen war angenehm. Er atmete alten Wachs und trug noch die Wärme der vergangen Träume in sich. Ich blickte einen Moment lang zum Fenster. Das Spiel zwischen Licht, Wind und Vorhang war wunderbar anzuschauen. Ich bewegte mich langsam durch die Wohnung, immer noch ein wenig in den schläfrigen Nachklang der Nacht gehüllt. Die Dielen knarrten leise unter meinen nackten Füßen. Ich mochte dieses Geräusch. Es fühlte sich vertraut an. Im Badezimmer war der Spiegel von der Nachtluft beschlagen. Mein Spiegelbild erschien nur langsam. Verschwommen und zögerlich. So, als bräuchte auch es Zeit, um zu sich selbst zu finden. Das Wasser aus dem Wasserhahn war kalt und scharf. Es rieselte wie ein schnelles Erwachen über mein Gesicht. Dann zog ich mich an. Und ich spürte, wie sich der Stoff sanft an mich schmiegte. Es war schweres Leinen, das noch kühl von der Nacht war. Es duftete schwach nach Olivenseife und der süßen Herbheit des Holzes aus dem Kleiderschrank. Ich verweilte in diesem Moment. Es war ein Augenblick aus Stillstand und Bewusstsein.
Ich beschloß, einen Morgenspaziergang zu machen. Ich schnappe mir das eiserne, antiquarische Schlüsselbund und entriegelte die riesige, hölzerne Wohnungstür. Man sah ihr das Alter nicht an. Sie war von wunderschöner Maserung. Doch wann immer ich sie öffnete machte sie mit einem dumpfen Ächzen der Metallbeschläge auf sich aufmerksam. Ich schloß die Tür hinter mir und war im Hausflur. Bedächtig stieg ich die breite Steintreppe zwei Etagen nach unten. Ein leiser Geruch von Kaffee stieg auf. Schwach und unbestimmt, wie das erste Versprechen von Wärme nach einer langen, kalten Nacht. Er kam aus dem kleinen Café um die Ecke, das öffnete, bevor die Stadt erwachte. Der Duft war getragen von der feuchten Luft. Sie drang wie eine Einladung in den Flur. Ich trat durch die Tür und ging die abgenutzten steinernen Stufen hinunter, die zur Straße führten. Der Kaffee sollte später kommen. Zunächst wollte ich den Tag begrüßen. Die Luft war noch frisch. Die Nacht hatte ihr Geheimnis auf den Steinen der Straße hinterlassen. Ein dünner Film aus Feuchtigkeit glitzerte dort und bewahrte eine gedämpfte Erinnerung an den Regen. Die Welt lag noch im Halbschlaf. Die Stadt begrüßte mich mit Flüstern. Die Atmosphäre war erfüllt von der zarten Spannung zwischen Morgen und Tag, diesem flüchtigen Augenblick zwischen Stagnation und Wiedereinsetzen des Lebens. Alles war langsam und zart und entfaltete sich in seinem eigenen Rhythmus. Ich schaute auf die umliegenden Berge. Sie waren sanft geschwungen, bedeckt von einem üppigen Grün. Sie umrahmten diese kleine Stadt wie eine Hand ein schlafendes Gesicht. Ein Seufzer durchstreifte sie. Die Wolken hingen tief und verfingen sich in den grünen Hängen, die das Tal umgaben. Noch wurden die meisten Geräusche der Stadt vom Nebel verschluckt.
Ich begab mich auf meinen Spaziergang. Direkt neben der Hauptstraße schlängelte sich ein kleiner Fluß entlang. Eine alte, noch vom nächtlichen Regen benetzte, Steinbrücke überspannte ihn. Doch die Sonne wurde bereits stärker. Und bald war auch die Brücke wieder knochentrocken. Ich blieb auf ihr stehen und schaute hinunter. Das Wasser bewegte sich behäbig. Seine Oberfläche schimmerte samt wie Seide und trug Blätter und Zweige als Überbleibsel des Niederschlags mit sich. Das Geräusch war zart. Es gab kein lautes Rauschen. Nur ein gleichmäßiges Dahinplätschern. Es roch nach feuchter Erde und Moos. Und nach dem Regenwasser, welches sich in den Falten der Steine gesammelt hatte. Ich überquerte die Brücke und folgte dem kleinen Strom auf einer Nebenstraße flußaufwärts. Ich ging bewusst. Schritt für Schritt. Ich verfolgte mit den Augen die mannigfaltigen Bewegungen des Sonnenlichts auf dem Wasser. Dann, für kurze Zeit, war der Fluß nicht zu sehen. Häuser mit verblassten Fensterläden und kleine Balkone, die mit Weinreben bewachsen waren, dominierten das Bild. Die Wolken hingen immer noch schwer und weich über den Bergen, aber hier unten begann sich die Luft aufzuhellen. Ich schaute mit schweigender Neugier auf dieses Gefüge. Ich sah, wie die Luft über den Steinen flimmerte. Ich beobachtete, wie sich das Licht in den Fensterscheiben sammelte. Ich erblickte, wie der Tag - so jung und zerbrechlich - sich zu entfalten begann. All das strahlte eine stille Sinnlichkeit aus. Die einfache Tatsache, am Leben zu sein! Die Luft auf der Haut zu spüren, nach der Kühle die Wärme zu schmecken, zu hören, wie das Leben in diese kleine Stadt nach einer Regennacht zurückkehrte.
Die Stadt öffnete sich um mich herum. Jede Ecke, jeder Geruch, jedes Geräusch war eine Einladung zum Verweilen. Es war nichts Außergewöhnliches. Und doch waren diese Dinge von einem stillen Verlangen erfüllt, von einem subtilen Puls, welcher bedächtig unter der Oberfläche des Alltäglichen schlug. Weiter oben auf der kleinen Straße und führte mich mein Spaziergang zu einer weiteren Brücke. Sie war älter und schmaler als die erste. Ihr Bogen war durch die Jahrhunderte des Begehens und des Zerren der Witterung glatt geschliffen. Ich überquerte sie, um auf der anderen Flußseite zurückzugehen. In der Mitte blieb ich stehen und lehnte mich a die noch kühlen Steine. Die Stadt erstreckte sich zu beiden Seiten, durchströmt von einem hellen Morgenlicht, das allem einen schimmernden Glanz verlieh. Ich konnte jetzt das leise Summen von Stimmen hören. Autos brummten eilig vorbei. Neue Gerüche wehten mir entgegen und durchdrangen den feuchten Duft des Baches. Eine Weile blieb ich dort stehen. Ich hatte es nicht eilig. Es gab kein Ziel, welches mich drängte. Ich ließ meine Gedanken wie das Wasser fließen. Und ich begann, Fragmente von dem zu sammeln, was meine Augen erfassten: Tropfen, die auf den Blättern zitterten, der ferne Klang einer Kirchenglocke, Fenster klapperten, Menschen hasteten. Die Stille, das Verborgene war vergangen. Alles um mich herum fühlte sich nun lebendig an. Sogar die Ruhe schien zu atmen. Während ich weiterging, verspürte ich ein seltsames Gefühl der Vertrautheit. Eine tiefe, wortlose Harmonie zwischen mir und der Welt. Der vergangene Regen, der neue Morgen, das Holz, die Luft. All das war in mich eingedrungen und hatte Wurzeln geschlagen. Dieser Ort war Teil von mir geworden. Und so wanderte ich weiter, folgte dem langsamen Verlauf des Flusses. Der Morgen wurde heller.
Ich sah dich den Weg am Fluss entlangkommen. Dein Kopf war leicht gesenkt, das Gesicht tief unter der Kapuze vergraben. Dein langes, blondes Haar floss heraus und spielte sanft mit dem Morgenlicht. Du warst konzentriert. Du lauschtest etwas, das nur du hören konntest. Letzte Nacht haben wir Wein getrunken, gelacht und so lange geredet, bis uns schließlich der Schlaf übermannte. Wir spürten eine wohlige Verbundenheit. Als ich dich nun erblickte, war es eine stille Fortsetzung dieser Nähe. Ich blieb an der Straße stehen, wartete auf dich. Als du aufblicktest, erhob sich ein leises Lächeln auf deinem Gesicht. So, als käme es aus einer tiefen Quelle in deinem Inneren. Wir umarmten uns nicht, grüßten nicht. Unsere Augen begegneten sich nur. Wir gingen gemeinsam weiter. Und wir wussten, wohin. Es herrschte eine Leichtigkeit zwischen uns, etwas Warmes, Unausgesprochenes, begleitet von einem ruhigen Schmerz. Wir gingen Seite an Seite zum Café und ließen das sanfte Leuchten des Morgens auf uns wirken.
Das kleine Café lag nur ein paar Schritte von der Wohnung lag. Das Morgenlicht hatte die Straße nun erfüllt. Die Wände waren getrocknet, die Steine unter meinen Schuhen glänzten nicht mehr. Die kleine Terrasse des Cafés lag zur Straße hin. Einige Tische waren bereits besetzt. Du setztest dich an einen. Ich schritt leise ein, als würde ich ein Geheimnis betreten. Der Duft von warmem Kaffee umhüllte mich sofort. Er war dicht, fast körperlich, und berührte meine Sinne wie eine langsame Liebkosung. Mein Besuch in diesem Städtchen dauerte nur wenige Tage. Doch ich wurde bereits wie ein Einheimischer begrüßt. Die Theke glänzte schwach, Tassen klirrten in munterem Rhythmus. Ich bestellte einen Espresso und einen Cappuccino. Meine Stimme verweilte nicht lang in der Luft. Sie löste sich schnell im rhythmischen Tassenklirren auf. Doch ein kaum wahrnehmbares Nicken sagte mir, dass meine Bestellung verstanden wurde. Die Bewegungen der Frau hinter dem Thesen waren präzise und ununterbrochen. Es war ein Teil des immer wiederkehrenden Morgenrituals, welchem ich an diesem Tag beiwohnte. Als mir die Tassen serviert wurden, waren sie klein und perfekt. Ich hob sie langsam an und ging auf die Terrasse des Cafés. Davor erstreckte sich die Straße wie ein Gemälde. Um uns herum, unsichtbar, und doch präsent, Stimmen, von Mann und Frau, von alt und jung. Ihre Melodien waren dünn und wehmütig. Fast wie eine Erinnerung, die sich weigerte zu verblassen.
Die Oberfläche des Espresso zitterte leicht und gab eine dünne Dampfspirale frei. Der erste Schluck war heiß und lebendig. Die kräftige Bitterkeit breitete sich geschwind in meiner Brust aus. Der Geschmack des Kaffees war tief und dunkel. Sein Duft zog mich magnetisch in seinen Bann. Ich nahm noch einen Schluck. Die Tasse war warm zwischen meinen Fingern. Die Keramik fühlte sich geschmeidig an. Die Frau am Nebentisch rührte mit dem Löffel langsam in ihrer Tasse. Drei Tische weiter wurde laut gestikuliert. An der Theke herrschte reges Treiben. Ich spürte die Beschaffenheit des Stuhls unter mir, die Maserung des Holzes, sein Alter. Wie viele Menschen wohl schon auf ihm saßen? Ich fühlte das leichte Zittern der Tische und Stühle durch die vorbeifahrenden Autos. Jedes Detail schien aufgeladen, lebendig, als würde ein unsichtbarer Strom durch alle Dinge fließen. Für einen Moment schloss ich die Augen. Hinter meinen Lidern sah ich meinen Spaziergang von vorhin noch einmal. Alles erschien in den selben sanften Farben. Die Welt drückte sich an mich, zart und voll. Ich dachte an die Brücke, das Wasser, den Duft von nassem Stein. Und, an dich.
Wir saßen dort und ließen die Wärme der Tassen in unsere Hände sinken. Wir lächelten sanft. Wir sprachen leise. Über nichts Bestimmtes. Wir ließen die Pausen für sich sprechen. Mit unseren Worten schwang der einfache Trost, so beieinander sitzen zu können. Denn über der ganzen Szene schwebte dieses schwache, unvermeidliche Bewusstsein, daß das, was wir hatten, nur geliehene Zeit war. Eine Zeit, welche unvermeidlich verrann. Dennoch schien uns die Welt vorerst diese kleine Atempause zu gewähren. Still hielten wir daran fest, so wie man an einem letzten Schluck Wärme festhält, bevor er abkühlt.
Die Sonne breitete sich weiter aus. Ein Schein fiel auf die Cafétische und berührte die Gesichter der Menschen. Die Luft war jetzt mild. Die Wolken hatten sich in Wärme aufgelöst und gaben in den Bergen nun den den Blick auf tiefgrüne Flecken frei. Ich trank meinen Kaffee aus. Der letzte Schluck war kühler, weicher und hatte eine leichte Süße. Mein Körper fühlte sich nun wach an. Ich war im Einklang mit allem - dem Rhythmus der Straße, dem Puls des Lichts, dem Summen, das entsteht, wenn eine Stadt wieder zum Leben erwacht. Als wir aufstanden, blieben wir kurz stehen. Es war, als ob wir diesen Moment nicht stören wollten. Das Rauschen des Flusses drang durch die Luft, mittlerweile vertraut wie ein Begleiter, der am Rande meiner Gedanken wartete.
Wir traten wieder auf die Straße. Ich schaute noch einmal zum Fluß hinüber. Die Stadt schien sich ebenso durch mich zu bewegen, wie ich mich durch sie bewegte. Alles war einfach, und doch voller Leben. Der Tag hatte begonnen. Und wir waren mittendrin. Still, ganz und gar, als wäre es der erste Morgen dieser Welt.


