Ich erreichte den Park. Die Geschwindigkeit der Stadt lag hinter mir. Feine Dämmerungstille kam mir kurz entgegen. Ihr beruhigender Gruß erfüllte mich mit sanfter Zufriedenheit. Sie war es, die später ihre Hände bedächtig über diesen Ort legen sollte. Doch sie verschwand und überließ dem noch regen Geschehen im Park das Podium. Es war ein reiner, prachtvoller Tag. Doch in diesem Augenblick ermattete der Sonnenschein und das wohlig umhüllende Schauspiel des abendlichen Lichterspiels setzte sein. Die Frühlingswonne und das glückliche Schimmern des Tages verschwanden. Die blühenden Gräser bereiteten ihren Nachtschlaf vor. Das frisch begrünte Gewölbe der Bäume wurde dunkelfarben, die strahlende Helligkeit der Luft schwächer. Leben gab es noch genug. Menschen, wohin meine Augen schauten. Sie genossen die Kühle des Parks wie ich. Hochgestimmte Unterhaltungen, gemächliche Spaziergänge, selige Spiele der Kinder. Alles war dabei. Ich mochte diese Atmosphäre. Und so wurde es beinahe für mich zum Ritual bei Sonnenuntergang an diesem Ort zu verweilen. Der Wind umarmte mich an diesem Abend eilig. Er war voller sanfter Energie, tanzte hin und her, huschte von Baum zu Baum. Er war unbeständig, wusste nicht, welche Richtung er nun einschlagen könne. Er würde seinen Weg finden. Dessen war ich mir sicher. Der Himmel war klar und weit. Er hob sich gegen das erstarkende Dunkelgrün der Blätter immer schwächer ab. Einige gewaltige Wolken flogen inbrünstig dahin. Die Bäume standen nah und bereiteten ein großes Blätterdach. Der Weg, welchen ich durchschritt, war weit genug, um eine gute Sicht auf diese Szenerie werfen zu können.
So trieb ich mit Bedacht vergnügt weiter. Zu Menschen. Zu Unerwartetem. Glückwunderlich ist es wohl, in Geschichten zu blicken, die mir zufällig begegnen, welche mir eine kurze Einsicht gewähren und die sich dann wieder verflüchtigen in den abendberührten Himmel. Manchmal sind es Gespräche, manchmal nur kleine Momente. Als Spaziergänger bin ich der Gast, der das Bühnenbild beobachtet und gelegentlich mit ihm interagiert. Jedes Mal lerne ich. Und jedes Mal verändert sich ein klein wenig meine Sicht auf die Dinge dieser Erde. Manchmal wurde meine Sehnsucht nach fernen Ländern geweckt, manchmal Freude an Bekanntem wiedererweckt, welches ich lange vergessen glaubte. Verkäufer boten verschiedenste Waren im Dämmerlicht. Souvenirs, Snacks, Kaffee. Ich blieb gelegentlich stehen, spann versonnene Halbgedanken, begutachtete neugierig. Doch mein Herz bedurfte nichts zu dieser Zeit. Ich hatte kein bestimmtes Ziel. Ich war dem Freiheitsdrang verfallen und wollte die Stimmung so gut es nur ging in mich aufsaugen. So schritt ich gemächlich unter diesen großen Bäumen. Ihre ehrenwerten Wipfel unterhielten sich leise. Das Laub raschelte neugierig. Die Zweige kisterten rhythmisch mit. Ich versuchte manchmal, ihrer Unterhaltung zu folgen und horchte neugierig. In der Ferne sah ich die zärtliche Dunkelbläue des Himmels in das Land fließen. Ich war ohne Eile, rastete ab und an, fuhr fort und lauschte. Mit der Zeit schritt ich träumend und gedankenversunken durch diese Dämmerwelt.
Inmitten des Parks stand die Festung. Ich vermochte sie deutlich zu sehen. Großmächtig stand sie dort in nicht allzu großer Ferne. Ich kam ihr auf dem breiten, von Bäumen gesäumten Weg, nur langsam näher. Noch bemerkte sie mich nicht. Es war ein wuchtiges Bollwerk aus Stein. Der Tag hatte ihre Wände und Dächer mit warmen Lüften durchsonnt. Und das in Gold dämmernde Abendlicht ließ ihre Mauern in allen Schattierungen taktvoll schimmern. Dieses Farbenspiel gab ihr eine gewisse Leichtigkeit. Die Festung war eine große, betagte Schönheit, die zu einem organischen Teil dieses lieblichen Parks herangewachsen ist. Feinfühlende Melancholie war dort in dieser sanften Abendstimmung zu spüren. Ich hatte mich ihren Außenmauern genähert. Ein ehrwürdiges Gebilde gewährte mir Einlass. Durch ihre Mauern zu schreiten bot eine Erfrischung, obwohl der Abend bereits einige Kühlung brachte. Als ich in den Innenraum trat, erreichte mich eine schwelgerische Stille zwischen Mauern und Gras. Eine milde Atmosphäre von Geborgenheit umgab jetzt diesen Ort. Menschen kamen an diesem Abend kaum noch hierher. Die Fläche war groß und weitläufig. Wiesen begleiteten die Mauern im Inneren auf ihrer fortwährenden Reise um die Festung. Ich blickte in den blasser werdenden Himmel. Über der scharfen Silhouette der Festung quoll tiefes Dunkelblau langsam hervor. Grau mischte sich dazu und verbannte immer mehr das Strahlen des Tages. Die Festung war groß. Ihre Begrenzungen reichten über weite Entfernungen. In ihr konnte man Stunden verbringen. Doch an diesem Abend besuchte ich nur einen kleinen Teil von ihr. Ich wollte die sinkende Sonne und den herannahenden Abend im ganzen Park genießen. So führte mein Weg geradewegs durch die Festung. Direkt hinter ihren massigen Mauern entschloss sich ein Pfad, diesen Begrenzungen neugierig zu folgen. Ich leistete ihm auf dem Weg Richtung Donau Gesellschaft.
In einiger Entfernung vor mir sah ich eine Anhöhe. Dort vereinte sich der kleine Pfad mit einem Teil der Festungsmauer. Er hatte sein Ziel erreicht. Doch ich war gepackt von dem Begehren, Neues zu entdecken. Ich konnte nicht widerstehen und stieg die betagten, von der Sonne gebleichten Steine hinauf. Viele Geschichten hätten sie mir erzählen können. Doch ich war gespannt, auf das, was gleich folgen sollte. Denn auf dem Pfad am Fuß der Mauern wurde bis jetzt die Sicht auf das große Dahinter verborgen. Nun aber eröffnete sich der Blick in die Landschaft. Ich schaute hinab in die Tiefe und hinaus in die Weite. Eine ausgedehnte, von Grün durchflutete Welt breitete sich aus. Zu meinen Füßen bestaunte ich die mächtige Donau, die ihre Wassermassen bedächtig gen Osten schob. Wundersam ruhig war dieses Bühnenbild. Der enorme Strom schuf außerordentlich geschlungene Figuren in seinem Wasser. Hier Harmonie, dort Dissonanz. Die Akkorde sprangen ungeordnet beschwingt hin und her. Sie fingen sich aber wieder im großen Bild der kraftvollen Ruhe. Boote schwebten sanft dahin. Der Fluss war von mildem Charakter, doch seine Stärke war auch hoch oben über ihm thronend spürbar. Hinter mir hörte ich ein paar Leute lachen. Unter mir war alles verschwiegen. Ich drehte mich in das letzte warme Licht dieses Tages. Ich ließ es mein Gesicht berühren und ich hörte es sich leise verabschieden. Nun beschloss ich, eine Route nach Süden einzuschlagen und einem weiteren Fluss zu folgen, der der Donau hier sein Wasser schenkte. So streifte ich den Weg entlang und unten rief die Sava fast schlaftrunken den Berg empor. Ich blickte auf die Lichter und Schatten in seinem Wasserspiel. Dann stieg ich von der großen Festungsmauer herab und folgte dort oben grob dem Fluss, welcher still unter mir mit dem Wasser seine Bahnen zog. Das andere Ufer war mit neuen Gebäuden gesäumt. Doch sie verschwanden langsam in den blauen Abendschleiern der Wolken. Müde schauten sie zu mir herüber. Eine unwirkliche Ferne entstand durch das Herabsinken des Lichts. Ich wollte die Gebäude in dieser schlummernden Dämmerung nicht wecken. Der Abend war warm und mitempfindend. Alles war in ein umschmeichelndes Licht getaucht, welches immer mehr seine Kraft verlor. Musik wehte herüber. Alles erschien verträumt. Stolz, aber leise, wollte dieser Tag sich langsam verabschieden.
Der Weg schlängelte sich etwas, bevor er sich veränderte. Eine große Treppe kündigte einen gerade und breiten Teil an. Die Festung lag nun hinter mir. Und das alte Belgrad vor mir. Ich hatte noch ein gutes Stück des Parks zu durchschreiten. Während ich schöngeformte Silhouetten und halb sichtbaren Liebreiz passierte, welcher in den noch vorhandenen Lichtern flüchtig aufleuchteten, dachte ich an das Reisen und das Erleben. Und ich dachte daran, wie essenziell dies für unser aller Leben ist. Wer offenen Herzens einen neuen Ort, ein neues Land, besucht, der wird innerlich immer reicher. Es erfüllt mich mit Glück und Zufriedenheit, Neues zu entdecken und einen Teil davon mit auf die nächste Reise zu nehmen. Meine Gedanken schlenderten hin und her. Meine Beine folgten dem Weg. Unter mir immer noch die Sava. Links und rechts des Weges standen im Wolkendunkel Bänke. Ein Teil schaute wonnevoll zur Sava hinunter. Diese waren zum großen Teil durch Paare besetzt, die diesen Abend gemeinsam mit allerlei Kostbarkeiten ausklingen ließen. Sie dachten an Frühlingsnachmittage, Selbstvergessen, Hingabe und Leidenschaft. Sie schauten sich mit beglückender Liebe an, küssten sich, lagen Arm in Arm und grüßten das neue Belgrad, welches viele Meter unter ihnen auf der anderen Flussseite im Schlaf versank. Andere Bänke waren von alten knochigen Männern besetzt, die Schach spielten. Schwarze und weiße Figuren kämpften voller Mut auf einem verzierten Holzbrett darum, dem gegnerischen König keinen Ausweg mehr zu gewähren. Und diese Männer waren ihre Meister. Es schien ihnen nicht nur großes Vergnügen zu bereiten. Sie waren auch einsame Strategen auf ihrem Feld. Ich beobachtete neugierig. Die Sonne hatte sich nunmehr in einen roten Feuerball verwandelt, welcher aber beinahe hinter blaugrauem Dunst verschwunden war. Die Dämmerung war fortgeschritten. Die Farben verblühten. Ein letztes Mal schauten sie auf den winzigen Fleck, den die Sonne zum Abschied zurückließ. Und als diese endgültig verschwunden war, zogen sich auch die Farben zurück. Das Dunkel hatte nun seinen grauen Schleier über alles Leuchtende gelegt. Lebhafte Unterhaltungen und Gelächter, sanfte Wortwechsel oder das Geschrei der Kinder, alles wurde plötzlich dumpfer, stiller, zurückhaltender. Es war, als ob die Menschen nun in sich kehrten und der kommenden Nacht ihren Respekt zollen wollten.
Der Ausgang des Parks war nah. Eine kleine Treppe markierte diesen. Ich stieg sie hinab und war wieder am Ausgangspunkt meines Spaziergangs angekommen. Seelenfroh schritt ich heimwärts.
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