Vor mir lag der Eingang des Basars. Die Strasse endete nicht. Sie führte einfach durch das Gedränge. Statt sausender Autos, schwerfälliges Geschiebe zwischen den schnelllebigen und stillstehenden Menschen. Der Eingang war schlicht und genügsam. Metall und Holz überdachten überraschend die Straße. Es war später Nachmittag. Die Sonne flammte noch erbarmungslos vom Himmel. Aber sie senkte sich bereits. Der Tag wird langsam zu Ende gehen. Mein Haar klebte mir an den Schläfen. Der Himmel überspannte die glühende Straße, die unter dem brutalen Lächeln der Sonne ächzte. Sobald ich den Basar betrat, kam eine selige Freude über mich. Ich fühlte die Minuten entgleiten. Und doch war in meinem Innern plötzlich staunende Stille. Unversehens war ich wieder wacher und mein Geist schärfer. Schwer und kühlend war die Luft unter dem großen Dach. Menschen wimmelten eilig umher. Ich erbebte voll Ungeduld. Alles war voll hastiger Schönheit. Der Hauptgang durch den Basar war nicht weit. Es war der nächste Abzweig. Ich konnte ihn nur erahnen. Aber alle dort erdenklichen Zutaten schickten ihre sinnliche Fülle voraus. Ich war noch leicht verwirrt von der Hitze. Die Luft schmeckte nach Gewürzen. Neben mir die wunderbar herben Ausdünstungen von Olivenseife. Ich ging weiter, schaute in den Hauptgang. Menschen bewegten sich lebhaft durcheinander. Keine Fahrzeuge mehr. Nur Händler, die ihre kostenbaren Waren feilboten und Kunden, die vor dem Kauf alles akribisch mit Händen, Augen und Nasen prüften. Ein süßes Vorgefühl umgab mich. Emfpindungen besuchten mich. Und ich begab mich widerstandlos in diese Welt.
Keine schwerbrütende Hitze quälte mich mehr. Stattdessen, eine sanfte Kühlung, die sich behutsam an mich schmiegte. Eine emsige und magische Lebendigkeit umgab mich, gefüllt mit verlockender Energie. Sie zog mich in ihren Bann, berührte mich, nahm meine Hand und führte mich sinnlich weiter den Gang hinab. Spannende Erwartung erfüllte mich. Was für eine Vorfreude! Ich war aufgelöst in Faszination und Schönheit. Düfte und Aromen, fruchtig und erdig, frisch und heftig, süß und lodernd. Sie alle erreichen meine Nase. Jedes mit seiner verwunschenen Geschichte. Jedes mit seinem eigenen Charakter. Diese unsichtbaren Geister krochen aus allen Ecken, glitten zu mir, durchzogen mich, entwichen wieder und umringten mich. Mit unveränderlicher Geduld drangen sie unter meine Haut. Und in meinem Innersten lösten sie sich schließlich auf. Mit jedem Male entstand eine kleine Geschichte in meinem Kopf. Welten erwuchsen. Ich ward überladen mit Freude. Meine Sinne schärften sich. Ganz ohne Mühe wurden die Sorgen des Lebens durch die Wüste und über das Meer in die Ferne hinwegetragen. Alles war eins. Ein Chaos voll Anmut. Um mich herum wimmelte es, Menschen rannten, Menschen drängten. Es war laut. Und doch war ich gelöst und wurde getragen von einem warmen Hauch voll Geborgenheit.
Ich probierte, ich roch, ich ertastete. Kaffee, Parfum, Seife, Leder, Tücher. Produkte, so erhaben wie die Nacht, welche später die lang ersehnte Erfrischung für die Stadt bringen sollte. So hastig es auch war, die Händler lächelten jedes Mal, boten mir freundlich einige Dinge an und verabschiedeten sich, als ich dankend ablehnte. Denn nicht alles wollte und konnte ich sehen. Ich lies mich von Nase und Augen treiben. Die Nase spürte von Beginn bis Ende die Anmut und den Liebreiz meiner Umwelt. Die Augen erhaschten die heiteren und zierlichen Formen. Und all die unbändigen Farben, die frenetisch glühten. Die Reintönigkeit und Intensität von Handwerk, die Anmut von Tüchern und das Ebenmaß von hölzernen Figuren lies das Herz erbeben. Ihre Verheißungen irrten umher. Überall flirrte und funkelte es in den Ständen dieser riesigen langen Halle. Ich setzte meinen Gang langsam fort. Meine Augen rollten von einer Seite zur anderen. Meine Nase erhaschte jeden auch noch noch winzigen Duft. Mein Kopf bewegte sich immerfort, ständig auf der Hut, keine dieser Schönheiten zu verpassen. Es war im wahrsten Sinne des Wortes überwältigend. Die Stunden wurden später und langsam sah ich durch die Öffnungen im Dach, daß die Kraft des Sonnenlichts sich neigte. Die dunklen Farben im Himmel hatten sich in meiner Abwesenheit in stiller Eile vereinigt und kündeten den Beginn des Abends an. Draußen setzte die Dämmerung ein.
Der Basar war einfach zu groß, um ihn zu diesen Zeiten in voller Gänze genießen zu können. Die ersten Kaufleute packten ihre Waren bereits zusammen und bereiteten ihre Läden für den Abschluss des Tages vor. Doch ich wollte noch nicht gehen. Eine unerforschliche Eingebung flüsterte mir leise unentdeckte Abenteuerlichkeiten zu, welche ich mit meinen Sinnen erspähen sollte. Ich spürte ein Ziehen einer magnetischen Kraft. Denn die Lebendigkeit in diesen Hallen war noch lange nicht erloschen. Auch wenn alles und jeder gemächlich leerer und ruhiger wurden.
So wurde ich zu einer großen Öffnung im Basar geleitet. Eine Flamme der Neugier bebte in mir. Eine Karawanserei. Ein weiter Raum entspannte sich direkt vor mir. Ich blieb stehen. Ich horchte, ich schaute. Eine Halle bestehend aus Säulen und Fenstern, Kuppeln und Verzierungen gebot mir Einlass. Obwohl der Abend bereits in den Anfängen seiner Abendbläue ruhte, wartete die Welt da draußen in all ihrer Machtlosigkeit auf erlösende Abkühlung. Hier drin war alles herrlich frisch, ohne innere Hast und in Muße ihrer eigenen Ordnung verfallen. Im Basar hatte ich eine Zeit der Farben und des Überflusses an Reizen. Hier schimmerten die Verziehrungen bescheiden. Schwarz und Weiß beherrschten die Wände. Die Fenster gaben dem Raum tagsüber viel Licht. Nun hatte dort das tiefe Blau die Macht erklommen. In der Mitte des Raumes tanzte das Wasser eines Brunnens mit einem zaghaften Lächeln umher. Das Antlitz dieser Szene fühlte sich seltsam geheimnisvoll an. Ich fühlte mich wohlbehütet. Ich setze mich an einen der Tische, die den Brunnen umrangten. Ich saß und schaute. Die Minuten sickerten dahin. Der Tag hat seine Kraft verloren. Die Nacht erwachte und beugte sich gemächlich über die Menschen. Etwas klirrte neben mir. Das Geräusch riss mich aus meiner Bewunderung für diese Architektur. Ich war nicht der einzige hier. Es regte und bewegte sich. Ich hörte unbesorgtes Lachen und beseelte Abendunterhaltungen. Die Tische gehörten zu einem Café. Und ich wurde gefragt, ob ich einen Kaffee trinken möchte. Ich sagte ja, denn es gab nicht viele Dinge, welche diese wunderbare Atmosphäre für mich hätten unterstreichen können. Mein Geist war woanders. Diese Umgebung verzauberte mich. Versteckt in dem verwinkelten Inneren meiner Vergangenheit, dachte ich an die schönen Gefüge dieser Welt. Kein Krieg, keine Zerstörung. Kein Hinterhalt, keine Lügen. Warme Wellen von Ebenmaß und Liebreiz durchdrangen mich. Meine Gedanken schlenderten in alle Richtungen, erforschten, hatten neue Ideen, verworfen diese und spazierten weiter. Neue Gedanken kamen und verschafften sich kurzzeitig Gehör. Ganz ohne Kraft und von Neugier erfasst, ließ ich alles geschehen. Ich wurde zum Träumer, angestoßen von der Eleganz dieses Ortes.
Mein Kaffee war laut, kräftig und komplex. Wie der Basar, dessen Treiben ich vorhin entkam. Meinen Tag verspürte ich als erfüllt. Und immer mehr begann ich, diese behagliche Episode meines Lebens in diesen Räumen zu mögen. Der Geschmack dieses Getränks, die Eindrücke von eben und die windstille Luft des Abends vermochten mir ein Gefühl von Frieden zu vermitteln. Einen Frieden, welchen ich lange suchte und immer noch suche. Doch gemächlich folgte das Café auch dem Basar. Das Geschäft schloss für diesen Tag. Langsam und übergangsweise senkte sich die Spannung vom fiebrigen Tag. Ich stand auf, zahlte und ging los. Ich trat wieder in die große Halle des Basars. Dort waren die meisten Händler bereits verschwunden. Die Szenerie plötzlich dunkler. Vieles wirkte leer, starr, ja, sogar kalt. Dieser Ort war noch von bescheidenem Licht erfüllt. Fast niemand war nunmehr unterwegs, wo sich doch vorhin noch ach so viele Verkäufer und willige Kunden so viel zu erzählen hatten. Ich ließ die innere Unbewegtheit dieses Gebäudes hinter mir, in der sich nun geschlossene Metalltore der Läden unbetont aneinander reihten.
Es war ein dunkelblauer, ausgeglichener Abend. Sein verschleiertes Lichterspiel in den charakteristischen Gebäuden der Altstadt geleitete mich zurück ins Hotel.
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