Als die Vorlesung zu Ende war, blieb er noch einen Augenblick am Pult stehen. Vor ihm schoben die Studierenden ihre Stühle zurück, klappten Laptops zu und verstauten Bücher und Notizhefte in ihren Taschen. Das Stimmengewirr, das während des Seminars fast vollständig verstummt gewesen war, kehrte langsam zurück und füllte den Raum mit jener leichten Unordnung, die immer am Ende eines langen Universitätsnachmittags entstand.
Durch die hohen Fenster fiel das matte Licht der sinkenden Sonne. Es lag über den Tischen, über den Büchern und über der großen Karte an der Tafel, auf der noch Linien, Flächen und Grenzen zu erkennen waren. Er hatte sie zu Beginn der Vorlesung mit Kreide eingezeichnet, doch inzwischen waren manche Stellen schon wieder verwischt. Dort, wo eben noch Staaten, Küsten und Gebirgszüge gelegen hatten, blieb jetzt nur ein heller Staubfilm auf der schwarzen Fläche zurück.
Die meisten Fragen seiner Studierenden betrafen Literaturhinweise oder Abgabetermine. Auf andere Fragen gab es selten kurze Antworten. Er schloss das letzte Buch, legte die Kreide beiseite und steckte seine Unterlagen in die alte Ledertasche, die ihn seit vielen Jahren begleitete. Die meisten Studierenden hatten den Raum bereits verlassen. Nur ein junger Mann blieb noch einen Moment an der Tür stehen.
„Professor? Darf ich Sie noch etwas fragen?“
Er sah auf und nickte. „Das Interview morgen – wird das auf Englisch oder auf Arabisch geführt?“ Er dachte einen Augenblick nach. „Wahrscheinlich auf Arabisch“, sagte er. „Aber das entscheidet sich manchmal erst kurz vorher. Die Sprache verrät oft schon, welches Gespräch sie für wen führen wollen.“ Der Student lächelte. „Dann hoffe ich, dass man Ihnen diesmal genug Zeit gibt.“ Er musste leise lachen. „Bei Formaten dieser Größe hat man selten genug Zeit.“ Er verabschiedete sich, schloss die Tür hinter sich und verschwand auf dem Flur. Für einen Moment blieb nur das leise Summen der Klimaanlage zurück. Er löschte das Licht, nahm seine Tasche und trat hinaus.
Der Weg über den Campus gehörte zu den kleinen Gewohnheiten, die sich unmerklich in sein Leben eingeschrieben hatten. Zwischen den Gebäuden verliefen breite Alleen, gesäumt von alten Banyanbäumen, deren mächtige Wurzeln sich wie verschlungene Adern aus der Erde erhoben. Gruppen von Studierenden saßen auf niedrigen Mauern, tranken Eiskaffee oder Milchtee und diskutierten über Prüfungen, Musik oder die Pläne für das Wochenende. Fahrräder glitten lautlos über die Wege. Irgendwo spielte jemand auf einem Handy Musik. Die Melodie trug der Wind nur bruchstückhaft herüber. Er hatte sich angewöhnt, nach der Vorlesung zu Fuß zu gehen. Manche Gedanken ließen sich erst unterwegs zu Ende denken.
Hinter dem Hauptgebäude öffnete sich der Blick auf die Stadt. Über den Baumwipfeln ragten die Glasfassaden der Hochhäuser in den Himmel. Das Licht des späten Nachmittags spiegelte sich in den Fenstern und legte einen kühlen Schimmer über Stahl und Beton. Zwischen den Türmen hing die feuchte Wärme des Tages wie ein leichter Schleier, der die Konturen der entferntesten Gebäude weich werden ließ. Guangzhou wirkte beinahe geordnet, als ließe es sich einfach in Viertel einteilen. Es war eine Stadt, die sich ständig veränderte. Wenn er nach einer Reise zurückkehrte, glaubte er manchmal, eine Straße sei verschwunden oder ein ganzes Häuserquartier über Nacht neu entstanden. Und doch gab es Wege, die sich jeder Veränderung widersetzten.
Er verließ das Universitätsgelände und schlug die Straße ein, die ihn an den meisten Tagen nach Hause führte. Er hätte auch die Metro nehmen können. Der Heimweg wäre kürzer gewesen. Aber er mochte diese Stunde zwischen Universität und Abend, in der noch nichts entschieden war und der Tag sich langsam von seiner Arbeit löste.
Zunächst führte ihn der Weg durch das neue Guangzhou. Breite Straßen zogen sich zwischen den Gebäuden hindurch, deren Fassaden das Licht in kühlen Blautönen zurückwarfen. Vor den Eingängen großer Bürohäuser standen Angestellte mit Bechern in der Hand und sahen auf ihre Telefone. Motorroller summten vorbei, Lieferfahrer balancierten Kisten und Taschen durch den Verkehr. Und irgendwo über den Dächern hing das gleichmäßige Brummen unzähliger Klimaanlagen in der warmen Luft. Auf den breiten Gehwegen bewegten sich Menschenströme mit jener selbstverständlichen Zielstrebigkeit, die nur in großen Städten existiert. Niemand schien stehenzubleiben, niemand schien Zeit zu verlieren. Selbst jetzt nicht, in dieser fortgeschrittenen Stunde des Tages. Zwischen den vielen glatten Oberflächen war der Himmel nur noch in schmalen Streifen sichtbar. An manchen Kreuzungen warteten Dutzende Motorroller nebeneinander auf das Umschalten der Ampel, bevor sie sich im nächsten Augenblick wie ein einziger Schwarm in Bewegung setzten.
Die Stadt hatte etwas Rastloses. Sie schien nie ganz anzuhalten. Selbst in den wenigen ruhigen Augenblicken hatte man den Eindruck, sie hole nur kurz Luft, bevor sie sich erneut in Bewegung setzte.
Mit jedem Häuserblock veränderte sich die Umgebung. Die Straßen wurden schmaler, die Gebäude niedriger, die Schilder über den Geschäften älter. Das Glas und der Stahl blieben langsam zurück. An ihre Stelle traten kleine Läden, deren Türen weit offenstanden, als gäbe es keinen Grund, sie jemals zu schließen. Vor einer Schneiderei saß ein alter Mann auf einem niedrigen Holzstuhl und nähte schweigend an einem Hemd. Daneben ordnete eine Frau sorgfältig Schalen mit Kräutern und getrockneten Wurzeln, deren Geruch sich mit dem Duft frisch gekochter Brühe aus einem Nudelhaus vermischte. Über manchen Eingängen hingen verblasste Schilder, deren Farben über Jahre hinweg ausgebleicht worden waren. Fassaden trugen die Spuren unzähliger Monsunzeiten. Und in den schmalen Zwischenräumen der Häuser hatten Pflanzen ihren Weg durch Risse im Beton gefunden. Vor einem kleinen Laden standen mehrere Käfige mit Singvögeln, deren Rufe sich mit den Stimmen der Passanten und dem Klappern von Geschirr vermischten. Für ihn schien dieser Teil der Stadt lebendiger als die geordneten Straßen, die er hinter sich gelassen hatte.
Er verlangsamte unwillkürlich seine Schritte. Diese alten Straßen schienen sich jeder Eile zu widersetzen. Sie hatten ihre eigene Geschwindigkeit. Vor manchen Häusern standen kleine Holzhocker, auf denen ältere Männer Tee tranken und den Nachmittag dabei beobachteten, wie er langsam in den Abend überging. Aus offenen Fenstern drangen Gesprächsfetzen und das leise Surren alter Ventilatoren. Über den schmalen Gassen hing die feuchte Wärme des Tages, die sich zwischen den Mauern staute und selbst jetzt noch nicht weichen wollte. Zwischen den Häusern spannten sich Wäscheleinen, an denen helle Hemden und Kinderkleidung im kaum spürbaren Wind schwankten. Stromkabel verliefen über den Köpfen der Passanten, als gehörten sie ebenso selbstverständlich zum Stadtbild wie die Äste der alten Bäume. Eine Katze lag zusammengerollt im Schatten eines Motorrollers und hob nicht einmal den Kopf, als Menschen an ihr vorbeigingen. Vor einem kleinen Laden für Schreibwaren blätterte ein alter Mann in einer Zeitung, während neben ihm eine kleine Schale mit Sonnenblumenkernen stand.
Je weiter er ging, desto mehr schien die Stadt ihre Stimme zu verändern. Das Rauschen der großen Straßen blieb hinter ihm zurück. Stattdessen hörte er das Klappern eines Mahjong-Tisches in einem Innenhof, das helle Klingeln einer Fahrradglocke, das ferne Lachen von Kindern und das rhythmische Schlagen eines Messers auf einem Holzbrett aus einer kleinen Küche, deren Tür offenstand. Vor einem Obstladen blieb er kurz stehen. Auf Holzkisten lagen Mangos, Drachenfrüchte und kleine grüne Zitrusfrüchte, deren Duft sich mit dem Geruch frischer Teeblätter aus dem Nachbarladen vermischte.
Er ging weiter, bis er schließlich vor einem kleinen Teehaus stehen blieb. Es lag etwas zurückgesetzt zwischen einer alten Buchhandlung und einem Uhrmacherladen, dessen Schaufenster voller vergilbter Zifferblätter und Taschenuhren war. Wer die Straße eilig entlangging, hätte das Teehaus vermutlich übersehen. Die hölzerne Tür stand offen. Dahinter lag ein schmaler Raum, erfüllt vom Duft frischer Teeblätter, alten Holzes und der leichten Süße getrockneter Früchte.
Er setzte sich an den kleinen Tisch am Fenster. Das Holz war an den Kanten glatt geworden. An den Wänden hingen alte Schwarzweißfotografien der Stadt, auf denen breite Boulevards noch von Fahrrädern und Bäumen und nicht von Autos beherrscht wurden. In einem Regal standen Teedosen aus Metall, jede mit kleinen, handgeschriebenen Etiketten versehen. Wenige Augenblicke später stellte die Besitzerin eine schlichte Porzellankanne und eine kleine Tasse vor ihn. Sie tat es mit derselben ruhigen Selbstverständlichkeit, mit der sie vermutlich seit Jahren jeden Gast bediente. Das Teehaus war erfüllt von einer Stille, wie nur Räume still sein können, in denen Menschen seit langer Zeit dieselben Handgriffe verrichten. Aus dem Uhrmacherladen nebenan drang gedämpft das regelmäßige Ticken einer alten Pendeluhr herüber. Er schenkte sich ein. Dünne Fäden aus Dampf stiegen aus der Tasse auf und verloren sich langsam in der warmen Luft. Er mochte diesen ersten Augenblick, wenn der Tee noch zu heiß war, um ihn hastig zu trinken, und einen zwang, langsamer zu werden.
Kurz beobachtete er die Gasse durch das Fenster. Die ersten Lampen über den kleinen Geschäften wurden eingeschaltet und warfen ein warmes Licht auf das Pflaster. Dann nahm er sein Telefon aus der Tasche. Eine Erinnerung leuchtete kurz auf.
Al Jazeera, morgen, 09:00 Uhr, Ortszeit Doha.
Dann legte er das Telefon neben die Teekanne und schenkte sich nach.
In den ersten Jahren hatte er sich auf jedes Gespräch mit ihnen vorbereitet. Er hatte Zahlen überprüft, Notizen gemacht und sich Formulierungen zurechtgelegt. Irgendwann hatte er damit aufgehört. Nicht weil ihm die Themen gleichgültig geworden wären. Sondern weil er begriffen hatte, dass die meisten Fragen keine einfachen Antworten kannten. Und dass Gewissheiten oft nur für diejenigen existierten, die weit genug entfernt waren.
Er hob die Tasse an die Lippen. Der Tee war klar und zurückhaltend im Geschmack. Er wurde weicher und hinterließ eine feine, kaum greifbare Bitterkeit, die noch blieb, als die Wärme längst verschwunden war.
Die meisten seiner Studenten lernten die Levante zuerst in seinen Vorlesungen kennen. Später begegneten sie ihr erneut in den Karten ihrer Lehrbücher oder in den kurzen Berichten der Abendnachrichten. In ihren Augen war sie eine Region zwischen Mittelmeer und Wüste, ein Raum aus Grenzen, Konflikten und politischen Interessen.
Für ihn war sie nie eine Region gewesen.
Für ihn war sie das warme Licht kurz vor Sonnenuntergang, das sich an hellen Steinfassaden brach und ganze Straßenzüge für wenige Minuten in ein sanftes Gold tauchte. Sie war der Duft von Jasmin und Orangenblüten, der aus Innenhöfen hinaus auf die Straßen zog. Und das Klirren kleiner Kaffeegläser, wenn irgendwo ein Tablett abgestellt wurde. Sie war das Murmeln von Gesprächen, die über offene Fenster und Balkone hinweg geführt wurden, als gäbe es keine Eile und keinen Grund, sie zu beenden. Sie war die Wärme alter Häuser, die selbst tief in der Nacht noch den vergangenen Tag in sich trugen. Sie war der Geruch von Kaffee mit Kardamom, der am frühen Morgen durch die Straßen zog. Sie war das ferne Läuten einer Kirchenglocke, das sich mit dem Ruf von den Minaretten vermischte, wenn der Abend langsam über die Dächer kam. Vor allem aber war sie die eigentümliche Nähe der Menschen zueinander – das Gefühl, dass selbst die schmalsten Straßen und kleinsten Gassen niemals wirklich leer waren.
Er lehnte sich zurück und lauschte den kleinen Geräuschen des Raumes. Dem Aufsetzen einer Tasse auf Holz. Dem Rascheln einer Zeitung am Nebentisch. Dem gedämpften Murmeln zweier alter Männer, die seit einer halben Stunde dasaßen und doch kaum mehr als ein paar Sätze miteinander gewechselt hatten. Dem leisen Aufgießen des Tees. Dem regelmäßigen Ticken der Uhr nebenan, das den Raum mit einer fast beruhigenden Gleichmäßigkeit erfüllte.
Draußen begann das Licht, sich zu verändern. Die Schatten in der Gasse wurden länger. Das Glas der modernen Türme leuchtete, als würde es selbst Licht erzeugen. Darunter lagen die alten Straßen, ruhig und unbewegt. Sie hatten gelernt, sich von der Eile der Welt nicht mehr aus der Ruhe bringen zu lassen. Eine Weile blieb er noch sitzen. Als die Kanne leer war, legte er einige Geldscheine auf den Tisch, bedankte sich mit einem kurzen Nicken und trat wieder hinaus auf die Straße. Die Luft war noch immer warm. Aus einem geöffneten Fenster drang der Duft des Abendessens. Irgendwo begann ein Radio zu spielen.
Hinter ihm wurde die Tür des Teehauses geschlossen. Vor ihm verlor sich die schmale Gasse zwischen den Häusern. Und über den Dächern von Guangzhou senkte sich langsam die Dämmerung.
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