Alles war still. Nichts rührte sich. Ich entfernte mich keine zwanzig Meter von meinem Fahrer. Doch ich war schon in einer anderen Welt. Es war gegen Mittag. Ein weiterer heißer Tag. Die Sonne stand gleißend über mir und brannte erbarmungslos herab. Einen Schatten in dieser Umwelt ausfindig zu machen, war eine gewichtige Unmöglichkeit. Eine Kühlung, ausweglos. Ich stand auf der Asphaltstraße, die ins Zentrum führte. Die Luft flimmerte. Die Hitze pochte mir an die Schläfen. Der Wind wehte den Wüstensand kummervoll und ohne Nachlass in die Stadt.
Ich schaute noch einmal zurück. Mein Fahrer nickte kurz und zündete sich dann eine Zigarette an. Wir würden uns später am Treffpunkt wiedersehen. Ich setzte mir eine Mütze auf und ging los. Das zerstörte archäologische Museum lag direkt hinter mir. Außer dem Fahrer, war keine Mensch zu sehen. Vor mir leere, halb zerstörte Gebäude. Wohnhäuser, Geschäfte, Hotels. Allesamt in einen gewaltsamen Schlaf gestoßen und in nutzloser Träumerei verweilend. Bedrückt standen sie da. Die Häuser waren nicht hoch gebaut. Die ehemaligen Hotels erreichten vielleicht fünf oder sechs Ebenen. Andere waren niedriger. Ich ging ihnen entgegen und traf so auf die ersten Bauwerke. Alles Zeugen einer vergangenen Zeit. Einer Zeit von Hast und Eile, von geschäftigem Treiben, von gefüllten Straßen, Autos und Bussen, Kunden, Restaurantbesuchern und Café-Betreibern. Freudenfroh und gewandt. Ein kleines buntes Chaos. Aber nun, Stille. Der Himmel war leer. Die meisten Existenzen erloschen. Betrübnis hing schwer in der Luft. Raketeneinschläge, Einschosslöcher. Wo auch immer ich schaute. Alles erschien träge und stumm. Staub schlich monoton durch die Straßen.
Der Wind umwehte schwach die Winkel und Ecken dieser stillen Kontruktionen. Elendig schlich er umher. Er schenkte etwas Kühlung. Und beinahe erschien es, als wäre es der Wind selbst, der Schutz vor der dumpfbrütenden Sonne suchte. Doch mit einem schwerfälligen Seufzer war er schon wieder verschwunden. Kurz trug er Geräusche an mich heran, die von den wenigen letzten Einwohnern kamen. Mein Weg führte mich an die nächste Kreuzung. Ich traf auf eine große zweispurige Straße. Ich schaute nach rechts. Es gab kein Leben. Nichts äußerte sich. Von links trat ein Gemisch aus Tönen an mein Ohr. Mein Blick gleitete zu dieser Seite. Ungefähr 50 Meter entfernt konnte ich ein kleines Café und einen Laden ausmachen, in dem ein paar Tücher verkauft wurde. Ich ging in diese Richtung. Die Straße wurde von einem stummen Streifen getrennt. Vor dem Krieg blühten hier sicher Blumen und ein kraftdurchsprühtes Grün trotzte beständig den Temperaturen am Siedepunkt. Nun versuchten dort an paar graue Palmen dem standhaften Blick der Sonne zu entgehen. Sie schwankten mit dem schwachen Wind, versuchten der Wärme zu entfliehen. Doch sie gaben beizeiten wieder auf und fristeten ihr karges Dasein.
Vieles wollte in dieser Hitze zerschmelzen. Die heiße Luft entflammte sich beinah auf meiner Haut. Doch die immer wiederkehrende Nässe des Schweißes gebot dem Einhalt. Diese Hauptstraße war etwas weniger staubig. Das Café und der Laden boten eine Prise Leben. Ich bewegte mich in diese Richtung. Kein Auto, kein Motorrad rührte sich auf dem Asphalt. Das Café war nah. Doch jeder weitere Schritt fiel schwerer in diesem Siedeofen. Ich erreichte das Lokal und ging hinein. Es war leer. Ein paar Tische und Stühle aus leichtem Holz hatten sich dorthin verirrt. Die Wände waren mit einem dunklen Gelb getüncht. An einer Wand fand ich die Silhouetten der Tempelanlage von Palmyra verewigt. Über mir drehte sich bedächtig ein großer Ventilator, der etwas Frische schenkte. Ich rief, ob jemand da sei. Aus einem abgetrennten Bereich, der mit schwerer Plastikfolie verhangen war, trat ein älterer Herr. Ein rundes, freundliches Gesicht, welches sich hinter einer dicken Brille verbarg, kam zum Vorschein. Er hatte kaum noch Haare auf dem Kopf und trug ein weit aufgeknöpftes weißes Leinenhemd. Seine schmalen Finger umspielten hastig eine Zigarette, bereit den letzten großen Zug zu nehmen, bevor er sprach. Was ich denn wünschte, fragte er. Ich wollte wissen, ob ich einen Tee und etwas zu Essen haben könne. Natürlich! Er könne etwas Brot und Salat aus frischen Gurken, Tomaten und Zwiebel bereiten, den er mit leckerem Zitronensaft verfeinert hätte. Ich willigte ein. Lebendig und hastig begann er, in die Küche zu huschen. Er war sichtlich über meine Präsenz erfreut.
Kurze Zeit später erschien ein Glas kühlendes Wasser. Meine Lippen knisterten und meine Zunge spannte sich, als es frisch und erwachend meine Kehle hinunterglitt. Dann folgte mein Tee. Stark und köstlich war er. Hinzu kam ein kleines Dattelkonfekt, welches ich in freudiger Erwartung erblickte. Unwillkürlich ergriff ich es und roch daran. Ein lieblicher Duft erreichte meine Nase. Ich schmachtete nach dem süßen Geschmack der Datteln und der Bitterkeit des Tees. Ein kurzes Erlebnis, aber auch eine tadellose Einstimmung auf den Hauptgang. Noch ein Schluck Wasser, bevor das Brot mit dem Salat gereicht wurde. Ich blickte nach draußen. Dort fuhr nun das erste Fahrzeug seit langem vorbei. Ein alter Lastkraftwagen. Wenige Menschen waren nun auch zu sehen. Meine Augen sahen eine beinahe tätige und aufgeregte Stimmung nach all den reglosen Szenen, denen ich bis jetzt beigewohnt hatte. Das Brot war etwas trocken, duftete aber herrlich. Der Salat war erfrischend und lecker. Jetzt erst spürte ich, wie sehr diese dumpfe Hitze da draußen mir einige Sinne raubte und mich beinahe stumpf die Straßen entlanglaufen ließ. Ich wollte mehr von Palmyra erkunden. So dankte ich herzlich für Speis und Trank, bezahlte und zog von dannen.
Ich ließ das Café hinter mir. Je mehr ich von der Hauptstraße betrat, desto mehr Menschen begegneten mir. Ich schaute mich um. Die Szenerie war immer noch staubig und still. Wieder kein Fahrzeug. Doch die wenigen Menschen die ich nun sah, zeigten mir ein anderen Bild. Mit meinem inneren Auge sah ich einen lebendigen Kern in dieser Stadt. Etwas, das mit fieberndem Tatendrang wieder an die Oberfläche möchte, und nur mit Gewalt und diese stumme Rolle gepresst wurde. Palmyra ist leer, zerstört, erschöpft. Jahre der Enttäuschung hingen schwer über dieser Stadt. Doch in ihr glitzerte der Wille der Wiederkehr, die Absicht eines Erstarkens. Die Straße rief mich. Ich bewegte mich weiter. Der heiße Himmel lastete wieder schwer auf mir. Die Kühlung des Wassers waren Welten entfernt. Die wenigen Menschen sprachen leise, grüßten kurz, gingen ihrer Wege. Ich wusste, ich konnte nicht all zu lang bleiben. Noch einige Straßenecken weiter würde mein Fahrer auf mich warten. Es schien, als ob Café und Tuchladen ein kleines Zentrum bildeten, um das sich einige Menschen rankten. Denn je weiter meine Füße mich nun trugen, desto mehr lag dieses schlafenden Lebens wieder hinter mir.
Wieder kam eine Spur Wind auf. Das Rascheln in den Palmenblättern auf dem Mittelstreifen der Straße kündigte freudige Erregung an. Die Palmen bewegten sich für einen Augenblick schneller, flüstern, schmiedeten Pläne, diesem Ort zu entgehen. Der Wind schickte dann und wann mehr Lebendigkeit in diese Welt. Doch diese huschte vorbei. Nur ein Augenblick. Nichts Beständiges. Und so warteten die Palmen ungeduldig auf den nächsten Windhauch, der ihnen mit einem mächtigen Stoß zur Flucht verhelfe. Die Palmen standen stolz. Doch sie waren alt und verstaubt. Die sehnten sich nach einer neuen Episode in dem großen Ganzen hier. Sie wollten grünen, wollten wieder die Hauptrolle auf einer viel befahrenen Straße übernehmen, wollten Schatten spenden und Schönheit verkünden. Ich wünschte, diese Welt würde bald wieder kommen.
Ich bog von der großen Straße ab. Keine Palmen mehr. Keine Menschen. Nur Staub und Asphalt, Raketeneinschläge, Schutt, entfallene Existenzen. Fenster zerborsten, Wände zerbrochen. Ein beinah unheilvolles Nichts legte sich wieder über alles. Der winzige Aufbruch, den ich verspürte, war hier bereits verschollen. Der Staub kroch an meinen Füßen entlang. Der Asphalt dampfte in der klirrenden Hitze. In der Ferne sah ich die Tempelanlagen. Ich spürte Ewigkeit und Verfall. Mein Atem stockte kurz bei dem Gedanken an das Alter dieser Stadt. Der Krieg hat sie verzehrt, hat sie beinahe ausgeleert. Doch sie ist immer noch da. In kleiner Entfernung sah ich dann meinen Fahrer am vereinbarten Treffpunkt warten. Schweißgetüncht und der brennenden Sonne enteilen wollend, ging ich zu ihm. Er fragte, wie mir mein Spaziergang gefielt. Ich sagte gut. Und wir fuhren los.
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