5:23
Der Tagesanbruch war kalt und trüb. Die Stimmung der Menschen ebenso. Die letzten paar Tage segelte ich mit einer Handvoll Bekannter die westliche Ostseeküste Polens entlang. Nun begann unser letzter Segeltag. Das Wetter der vergangen Tage war freundlich. Dieser Morgen war es jedoch nur bedingt. Ich kam von meinem kleinen Spaziergang zurück. Ich hatte diese Angewohnheit, meine Beine jeden Morgen etwas bewegen zu wollen. Denn den größten Teil des Tages würde ich entweder wieder sitzend unter Deck oder aber stehend am Steuer verbringen. Viel Bewegung würde es da nicht geben. Das allgemeine Wohlbefinden meiner Mitsegler war geschmälert. Aber nicht etwa, weil das Wetter sich von einer eher unschönen Seite zeigte. Wir durften erst um einiges später losfahren, als ursprünglich mit dem Hafenmeister abgemacht. Dies war der Grund, warum die Stimmung einiger Weggefährten bereits im Eimer war. Irgendwo zwischen uns und dem nächsten Ziel war für diesen Morgen eine Militärübung geplant. Da durften wir nicht einfach so passieren. Doch jeder wollte los. Jeder wollte nach Hause. Allesamt wollten sie das Boot endlich wieder bewegen.
5:56
Der Hafenmeister konnte die meisten von uns mit seiner charmant aufdringlichen Art nicht wirklich überzeugen, zu bleiben. Murrend wurde zugestimmt. Denn wir durchblicken das wehleidige Dickicht der Vorschriften. Wir wussten um unsere Rechte und Pflichten. Darum gaben wir uns alsbald ohne große Widerrede geschlagen. Wir wollten nicht, daß der Geduldsfaden des Hafenmeisters ganz riss und wir womöglich wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses noch länger bleiben mussten. Zudem war die Aussicht, mit einer kleinen Segelyacht mitten durch eine Übung der Marine zu fahren auch nicht gerade erhellend. Zwei Mitsegler nutzen die Zeit für einen kurzen Landgang. Ich blieb an Bord und nahm ein Buch zur Hand.
7:25
Vor über einer Stunde hätte es schon losgehen müssen. Mein Buch war spannend. Aber auch ich wäre hier am liebsten los, anstatt noch weiter herumzusitzen. Die Spaziergänger drehten nur eine kurze Runde. Denn irgendwie hatten sie Angst, die Yacht würde ohne sie den Hafen verlassen. Die Stimmung einer Mitseglerin schwankte kontinuierlich zwischen wehleidig und dünnhäutig. Einen Augenblick saß sie da, verzweifelte fast ob der verlorenen Tage ihres Lebens, die wegen der Verspätung nie mehr wiederkämen. Einen anderen Moment ließ ihre Wut sie beinahe zerbersten. Sie schrie den Hafenmeister an, gab ihm neue Namen und drohte nie wieder in seinen schönen Hafen einzulaufen.
7:28
Ich beobachtete das alles mit beachtlicher Neugier. Allerdings blieb ich noch bei meiner Entscheidung: solange es nichts zu tun gab, war Lesen eine gute Tätigkeit.
7:49
Tage auf See, immer wieder kleine feine Häfen und Städte. Ein Jeder von uns ein kleiner Weltenbummler mit der Lust nach Mehr im Herzen. Alle fanden auf dieser Yacht ihren kurzen Seelenfrieden. Und ich verstand nicht, wie schnell dies alles von der ungeplanten Wartezeit hinweggewischt wurde. Irgendwie schienen meine Mitsegler jetzt nervöser als zuvor.
8:07
Doch nun, ein Wunder! Es konnte endlich losgehen. Der angestaute Frust veranlasste einige, ihre erlernten seglerischen Fähigkeiten zu vergessen. Alles dauerte plötzlich länger, war zähflüssiger als in den letzten paar Tagen. Das Losmachen der Leinen sollte besondere Schwierigkeiten bereiten. Der Kapitän erhob nun seine Stimme, verlor fast die Fassung und musste mehrmals die selbigen Kommandos an einige Personen hinüberschreien. Doch wir schaffen es schließlich noch und ließen den Hafen endgültig hinter uns.
8:35
Der Wind schlief. Nicht mal viel kreuzen machte an diesem Morgen irgendeinen Sinn. So musste eben der Motor herhalten. Keine wirkliche Segelromantik. Aber wir kamen wenigstens voran.
8:46
Die Wasserfläche kräuselt sich etwas. Ein leichter Wind kam auf. Doch es war kaum möglich, die Segel zu hissen. Ich stand am Steuer. Ein kleiner Vogel gesellte sich zu mir auf die Bank. Er schien die Fahrt zu genießen und blieb ein wenig bei mir.
10:10
Kurze Ablösung am Steuer, so daß ich auch mein Frühstück zu mir nehmen konnte. Ich kletterte unter Deck und quetschte mich in die Sitzecke unserer kleinen Kombüse. Das Essen war zauberhaft. Ein gab starken, schwarzen Tee. Dazu Brot mit Schinken. Und noch etwas Obst hinterher. Plötzlich ein lauter, tiefer Knall! Ein gewaltiges Rauschen. Ein für wenige Sekunden ohrenbetäubendes dumpfes Brummen drang an meine Ohren. Die Yacht taumelte unfreiwillig auf den plötzlich entstandenen Wellen umher. Ruckartige Bewegungen überall. Im Innenraum klapperte und zitterte alles. Der Kapitän war schon an Deck. Unweit der Kombüse kam jemand aus der Koje gesprintet. Ein älterer Herr, der mit uns als Passagier zurück nach Deutschland segelte. Vor lauter Schreck blieb er mit seinem Wollpullover an einem Haken für Geschirrtücher hängen, riss sich ein kleines Loch in sein Kleidungsstück, fluchte, stieß dann gegen einen Wasserkanister, schrie vor Schmerz, schaffte es aber doch, sich seinen Weg nach draußen zu bahnen.
10:11
Wir schossen hinaus, um zu schauen, was passiert war. Vielleicht in einem Kilometer Entfernung zur Landseite gewandt stand eine mächtige Wassersäule. Ein vielleicht 20 Meter hoher, plötzlicher Wasserfall mitten in der Ostsee! Große Welle fielen mit Eifer an der Backbordseite auf uns zu. Wasser trat an Deck. Jedoch nichts, was der Yacht oder uns irgendwie hätte gefährlich werden können. Der Schreck hatte nun alle endgültig wach gemacht. Etwas war dort hinten gerade unter Wasser explodiert.
10:12
Neptun sollte heute keine neuen Opfer bekommen. Wir suchten einen Weg aus dem Seeminenirrgarten. Unterdessen wurde die Yacht augenblicklich gefechtsklar gemacht. Alle beweglichen Gegenstände wurden verstaut, empfindliche Geräte wasserdicht verpackt, Luken und Türen verschlossen. Die Mannschaft setzte sich fest auf einen Platz und hielt sich angsterfüllt an etwas Greifbarem fest. Wahrscheinlich waren wir alle heilfroh, dass das Boot nicht in Stücke gerissen wurde. Innerlich zitterten wohl ein paar. Doch alle Arbeiten, die zum Vorankommen nötig waren, wurden vollbracht. Keine weiteren Explosionen waren zu vernehmen.
10:18
Der Kapitän versuchte per Funk Informationen über das Geschehene einzuholen. Erreichen konnte er nur den bereits bekannten Hafenmeister. Ihm war bekannt, daß unsere Durchfahrtszone frei war und zu diesem Zeitraum keinerlei Einschränkungen gemeldet wurden. Das war es auch schon.
10:59
Der Schreck war überwunden. Der Himmel strahlend blau. Die Sonne schien. Sogar der Wind frischte langsam auf. Unter voller Besegelung voranzukommen, ergab wenig Sinn. Aber wenigstens war nun der Zeitpunkt gekommen, Segeln hissen zu können. Es war magisch, nun etwas Dünung auf dem Wasser zu sehen. Nur leise plätscherte es vor sich hin. Doch das Boot machte gute Fahrt. Auch ganz ohne Motor.
20:04
In der weit entfernten dunstigblauen Ferne konnten wir die Lichter von Sassnitz sehen. Ich steuerte direkt auf den Nordosten der Insel Rügen zu. Bis wir aber im Hafen von Sassnitz ankamen, hatten wir noch einige mächtige Schiffe zu passieren. Diese hatten dort für die Verlegung von Teilen der Nord Stream 2 Pipeline Stellung bezogen. Es war ein stattlicher Anblick. Riesige schwimmende Industrieanlagen, deren tausend Lichter über das Wasser tanzten. Überall Arbeiter an Bord. Schreie, Kommandos, akustische Warnsignale und das Krächzen von Kranen und Maschinen war zu hören. Es war, als ob wir durch eine riesenhafte, schwimmende Fabrik fuhren. Am Ende eines solchen Schiffes wurden über einen ausgedehnten, metallenen Ausleger Rohre für die Gaspipeline langsam ins Wasser gelassen. Per Funkt setzten wir uns während der Anfahrt auf Rügen immer wieder mit diesen Kolossen in Verbindung. Ich musste strikt Kurs halten, um nicht zu nah an sie heranzufahren.
21:15
Die Luft war klar. Das Licht des Tages fast erloschen. Der Sternenhimmel wölbte sich strahlend über uns. Wir machen nur langsam Fahrt. Nicht nur mussten wir strikt Kurs halten, wir durften auch nicht zu schnell sein. So war diese Nachtfahrt zwischen den Verlegeschiffen zwar stattlich, aber auch am Ende recht mühsam. Unser Ziel, der Hafen von Sassnitz, war nun schon seit geraumer Zeit in Sichtweite. Doch er kam nur gemächlich näher.
22:43
Erschöpft machten wir die letzten Leinen unserer Yacht am Liegeplatz fest. Wir trafen uns noch zu einem kurzen Abendbrot. Danach verschwand jeder in seiner Koje und schlief vor Erschöpfung ein.


