Der Morgen war früh. Es war ein bleierner Schlaf, aus dem ich erwachte. Das erste Licht des Tages erhellte meine Koje. Das Boot lag ruhig. Und alles war noch stumm. Ganz leise hörte ich die kleinen Wellen behutsam an der Wasserlinie plätschern. Die Leinen knarzten periodisch und die Möwen schrien irgendwo in der Ferne. Meine Glieder schmerzten. Nicht nur von der letzten Nacht. Die vergangen acht Nächte hatte ich in dieser Koje verbracht. Sie war bis weit vorn in den Bug hineingebaut. Stil hatte sie, mit ihrem ehrwürdigen dunklen Holz. Doch ihre Lage im Vorschiff beschränkte meinen Fußraum beträchtlich. Nie war ich wirklich in der Lage, meine Beine im Schlaf strecken zu können. Jetzt, nach so vielen Nächten spürte ich dies beträchtlich, auch in Rücken und Becken. An vielen Stellen zog und schmerzte es in meinem Körper. Ich konnte nicht mehr liegen. Vielmehr würde ich den Tag mit einem guten Spaziergang beginnen. So konnte ich mich wenigstens bewegen. Und die ersten Sonnenstrahlen schienen auch schon durch die Luke über mir. Tauwasser hatte sich dort über Nacht angesammelt. Ich öffnete sie vorsichtig, lies das Wasser auf dem Glas langsam hinunterrieseln und steckte dann meinen Kopf durch die Luke. Was ich sah, verschlug mir den Atem. Es bewegte mich zutiefst. Ich wollte dieses reizvolle Bild vor meinen Augen außerhalb des Bootes genießen. So zog ich mir schnell etwas an, rannte durch die Hecktür auf das Deck und kletterte auf den Steg. Dieser führte mich auf das kleine Gelände eines Yachthafens.
Es war ein diamantfunkelnder, ungetrübter Sonnenmorgen. Das golden leuchtende Zentralgestirn kam gerade über die noch dunstig graue niedrige Wolkenwand am Horizont gekrochen. Noch schlich sie und mühte sich offenkundig. Das junge Gelb jubelte vor Freude. Zarte Tupfer von schneeweißen bis goldglänzenden Wattewölkchen wanderten ohne Eile über das Himmelszelt. Ich war mutterseelenallein. Die Luft war frisch und unverfälscht sauber. Nur ich, der Himmel und die Sonne waren zugegen. Ein träumerisches Lichtspielhaus zeigte hier gerade eine wonnevolle Aufführung am Firmament. Das noch unschuldige Blau des Himmels reichte nicht bis an den Horizont heran. Denn dort gesellte sich zu der Wolkenwand das strahlendste Gelb, was man sich hätte vorstellen können. Eine Sternstunde für Schwärmer und Romantiker. Das Wasser der Ostsee ließ sich davon kaum beeindrucken. Still und seicht lag es da. Es war beinahe so, als wäre der Himmel erwacht, das Wasser wog sich jedoch noch in einem friedvollen Schlaf. Ein leichter Windhauch kam. Aber es bewegte sich kaum. Es war vollends in scheinendes, warmes Gelb getaucht. Es schien wie verflüssigtes Gold. Für diesen frühen Morgen waren die Spiegelungen der See bereits sehr hell. Die Sonne lieh ihr einen unbeirrbar wärmebeschimmerten Glanz. Traumhaft und verborgen nur wachte die See langsam auf. In meiner ganzen Verwunderung für dieses Naturschauspiel vergaß ich völlig, mich in einem eher trüben Hafengebiet aufzuhalten. Ich trat an die kleine Kaimauer, um in das Wasser schauen zu können. Direkt unter mir konnte ich auf den Grund schauen. Dort unten war alles von einem fulminanten Farbenspiel überzogen. Die Wellen, der sich spiegelnde Himmel, die Steine auf dem Grund, alles schien sich für diesen Augenblick zu einem großartigen Spektakel versammelt zu haben. Ein Gemälde voll warmer Liebe präsentierte sich mir und umarmte mich mit seinen Farbenreizen.
Doch dies alles sollte nicht lange dauern. Je höher die Sonne stieg, desto mehr verwandelte sich das unberührte Himmelsblau in jenes strahlende, welches wir von unzähligen Sommertagen kennen. Die Wolken würden auch bald das Weite suchen und alles würde der gleißenden Sonne die Bühne überlassen. Bald würde sie sommerlich und strahlend über allem leuchten. Ein eher langweiliges Szenario. Und so genoss ich jede Sekunde an diesem Goldmorgen. Ich belauschte jeden Hauch. Ich horchte jeder Harmonie. Und spazierte weiter die Anlagen dieses Segelhafens entlang. Viel gab es dort nicht zu sehen, außer einer Handvoll Gebäude. Die interessanten Sachen passierten ja ohnehin an der vom Land abgewandten Seite. Doch kaum etwas regte sich. Es war ein schönes, doch unbewegtes Schauspiel. Beinahe zu ruhig. Keine, mit von Salzwasser gegerbter Haut düster dreinblickende Seeleute, die ihr Beiboot ins Wasser ließen und längsseits kamen. Keine dunklen Gestalten, die über das Deck schnellten, die Masten erklommen und hastig die Großsegel setzten. Nein, diese Seglerromantik gab es hier nicht. Nur kleine Yachten, die im seichten Wasser schliefen und die ihre vergleichsweise kleinen Masten begierig zum Himmel streckten. Vorstag, Achterstag, Saling, sie bildeten ein kleines Chaos, mit starkem Schwarz, sich vom Himmel abhebenden Seilen, welche eifrig vom Mast zum Deck hinunterliefen. Dahinter die beinahe unendliche lange Mole, welche sich wie ein langes Stück Land weit in die Ostsee hineinschob. Ich setze meinen kleinen Gang im Hafen fort. Noch war die morgendliche Luft herrlich frisch, welche ich auf meiner Haut spürte und mit großer Zufriedenheit gierig in meine Lungen aufsog. Meine Schritte waren nicht schnell. Ich ließ mir fast alle Zeit der Welt. Mein Ziel war nicht wirklich irgendwo anzukommen. Ich wollte weder das Ende der Mole betreten, noch dem Leuchtturm näher kommen. Ich wollte diesen Goldmorgen so lange ausschöpfen, bis er verschwand.
Der Tagesbeginn war das Ende eines mehrtägigen Törns auf der Ostsee. Vorbei die Tage, die Fock zu bergen, bevor erste Sturmböen über das Wasser schossen, in hastigem Drill mit der Mannschaft alles vorzubereiten, dann pfeilschnell über das Wasser zu gleiten und dem Wind mit einem Lächeln zu begegnen. Vorbei die Tage, die Leinen an rostigen Eisenringen zu verknoten, um sie dann später im Morgentau mit kalten Händen wieder loszueisen. Neben den Hafenanlagen ragten hier einige Häuser in der Ferne am Berghang in die Höhe. Bis auf die Möwen immer noch kein Lebewesen. Eine bebende Ruhe lag über dem sich in die Weite streckenden Hafenbecken. Mein Erscheinen schien niemanden zu stören. Alles schlief, nichts regte sich. Die Sonne stieg höher. Meine Augen gewöhnten sich nur langsam an das nun greller werdende Sonnenlicht.
Es wurde indessen so hell, dass ich mich wie in der glänzenden Mittagsstunde fühlte. Die Häuser der Stadt lagen schweigend in der Sonne. Alles schimmerte nur noch matt. Ich machte mich auf den Weg zurück zum Boot und begab mich in die Koje. Meine Luke war noch geöffnet. Ich schaute hinaus. Die gleiche Szenerie breitete sich vor meinen Augen aus, doch in gänzlich anderes Licht getunkt. Ich horchte in den nun blau strahlenden Tag. Keine Bewegung. Nur die Möwen, die mir bei meinem kleinen Spaziergang durch diese andere Welt Gesellschaft leisteten.


