English Translation here.
Der Name wurde mit einer Sorgfalt ausgesprochen, die in keinem Verhältnis zu seiner Notwendigkeit stand. Man sagte nicht einfach nur „der See“. Sondern Lake Couchiching. Und es schien, als würde die richtige Artikulation schon eine Art Zugehörigkeit herstellen, die einem andernfalls nicht zustand. Ich nahm das zur Kenntnis und ließ es dabei bewenden. Jedenfalls war der See an diesem Tag nicht nur unser Ziel. Er wurde auch zu unserem Schicksal.
Wir brachen am frühen Vormittag auf. Es handelte sich um einen roten SUV. Für mich als Europäer, der dieser Inszenierung als Praktikant beiwohnte, wirkte er riesig. Er war groß genug, um bei allen Passanten Bedeutung zu suggerieren. Beklebt war er mit einem Logo des Senders, das auch aus der Ferne erkennen ließ, dass hier etwas produziert wurde, das man später für relevant halten würde. Oder musste. Wir sendeten schließlich landesweit! Das sollten alle bitte schön sehen. Im Inneren des Wagens lag eine bunte Mischung aus Kabeln, Taschen und jener routinierten Gelassenheit, die sich Menschen zulegen, die viel unterwegs sind und deshalb davon ausgehen, dass sich die Dinge schon irgendwie fügen werden. Ich war skeptisch, jedoch zu diesem Zeitpunkt noch geneigt, dies zu glauben.
Die Panne kam früh. Ich hätte ihr danken sollen. Denn im Nachhinein verlieh dieses Geschehen dem ganzen Tag beinahe etwas Pädagogisches. Sie war nicht dramatisch. Eher ein kurzes Stocken im Ablauf, das mit der gleichen Selbstverständlichkeit behoben wurde, mit der es zuvor ignoriert worden war. Man klappte etwas auf, schaute wichtig, zog an ein paar Kabeln, sagte zwei, drei Sätze, die Wichtigkeit andeuteten, jedoch inhaltlich nicht viel zu bieten hatten. Dann wurde etwas wieder zugeklappt und wir fuhren weiter. Niemand schien darin einen Hinweis zu sehen. Irgendeinen. Ich auch nicht. Noch nicht.
Der See lag da wie ein Versprechen, das ich nicht näher infrage stellte. Wasserflächen haben die Angewohnheit, sofort als bedeutungsvoll zu gelten, selbst wenn sie nichts anderes tun, als lediglich vorhanden zu sein. Lake Couchiching machte von der scheinbaren Wichtigkeit keinen Gebrauch, profitierte aber sichtbar davon. Dort war nichts los. Das war an jedem Tag so. Dieser machte keinen Unterschied. Aber man musste eben das Programm füllen. Und so erschien auch eine noch so kleine Banalität irgendwann groß genug, die Story des Tages zu werden.
Das Boot war mittelgroß, offen, schnell genug, um die Illusion von Dynamik zu erzeugen, ohne dabei auf irgendeinen Hauch von Eleganz angewiesen zu sein. Der Fahrer wirkte ortskundig. Das bedeutete in diesem Zusammenhang aber weniger, dass er sich tatsächlich auskannte, sondern eher, dass er keinen Anlass sah, daran zu zweifeln.
Der Interviewer war korrekt gekleidet. Nicht übertrieben, jedoch mit dem deutlichen Bestreben, auf dem Boot als Besatzungsmitglied mit Autorität wahrgenommen zu werden. Jemand, der in Zweifelsfällen jederzeit wieder festen Boden unter den Füßen haben könnte – und dabei souverän wirkte. Sakko, Hemd und eine Hose, die keinen Anlass zur Kritik gab. Er hatte sich Mühe gegeben. Das konnte ich klar erkennen. Und man erwartete, dass sich die Umstände entsprechend verhalten würden. Doch die Umstände hatten davon nichts gehört. So stiegen wir nacheinander ins Boot. Entfernt hätte dies wohl an Routine erinnert. Dabei existierte es nie eine. Denn für diesen Moment ergab sich das Bild einer eingespielten Mannschaft. Und nur für diesen. Unstimmigkeiten ließen sich im Nachhinein leichter feststellen als in diesem Augenblick.
Zunächst verlief alles in der Form einer kontrollierten Bewegung, die sich gut filmen ließ. Das Boot glitt. Der See tat so, als würde er kooperieren. Und der Interviewer begann, sich bereits während der Fahrt an die Kamera zu wenden. Es war dieser Moment, in dem jemand beschließt, dass die Situation jetzt reif genug sei, um festgehalten zu werden. Doch in Wahrheit war sie kurz davor, unübersichtlich zu werden. Eine Stimme sagte, man könne doch etwas schneller fahren. Kein Vorschlag. Eher eine beiläufig formulierte Anweisung, vorgetragen mit der Selbstverständlichkeit von jemandem, der annahm, dass sich selbst physikalische Gegebenheiten seiner Einschätzung fügen würden. Der Fahrer reagierte sofort. Meines Erachtens wollte er sich später nicht gern vorhalten lassen, er habe eine Gelegenheit zur Verbesserung ungenutzt gelassen. Das Boot nahm Fahrt auf. Der Oberfläche des Wassers wurde unruhiger. Niemand erhob dagegen einen Einwand. Geschwindigkeit wird in solchen Momenten selten als Risiko verstanden, sondern als Qualitätsmerkmal.
Der Interviewer sprach bereits. Seinem Blick konnte ich entnehmen, dass er sich darauf konzentrierte, die Kontrolle zu behalten. Sowohl über seine Stimme, über seine Haltung, die Kleidung und die von ihm gewählten Worte. Es war ein sauberer, professioneller Versuch, der auf der Annahme beruhte, dass die Umgebung sich in diese Ordnung einfügen würde. Aber die wollte plötzlich nicht mehr.
Der Aufprall war kein einzelnes Ereignis. Es war eine kurze Abfolge von Korrekturen, die alle zu spät kamen. Das Boot fuhr über einen riesigen Felsen, der knapp unter der Wasseroberfläche das Tagesgeschehen verfolgte. Es verlor den Kontakt zum Wasser. Vollständig. Die Illusion der Beherrschbarkeit war hinüber. Es hob sich, als hätte es einen eigenen Einwand formulieren wollen. Einen Augenblick später kehrte es mit einer Entschiedenheit ins Wasser zurück, die nicht zur bisherigen Situation passte. Nichts war mehr an seinem Platz.
Die Kamera verschwand zuerst. Ohne Anspruch auf Bedeutung. Eher folgerichtig. Sie hatte erkannt, dass sie die ihr zugewiesene Aufgabe unter diesen Umständen nicht mehr würde erfüllen können. Ein Teil des Equipments folgte ihr. Weniger überzeugt, aber ebenso endgültig. Der Kameramann blieb zurück. Dies empfand ich in diesem Moment als unzureichenden Trost. Der Interviewer verlor kurz und heftig den Kontakt zu seiner Position. Er fand sich nicht in derselben Form wieder. Wasser tat das Übrige. Es war nicht viel, aber genug, um jede Form von Souveränität zu unterbrechen. Sein Sakko klebte vor Wasser. Ehrgeiz war dem Hemd abhandengekommen. Die gesamte Inszenierung, die noch Sekunden zuvor als selbstverständlich gegolten hatte, wirkte plötzlich wie ein Missverständnis.
Der Fahrer umklammerte mit einer Mischung aus Angst und Ratlosigkeit das Steuer. Verstört stellte er den Motor ab. Das Boot bewegte sich nicht. Diese Art von Stille ist keine Ruhe, sondern eher ein vorübergehendes Aussetzen von Rechtfertigungen. Niemand sagte etwas, was erinnerungswürdig gewesen wäre. Man sah sich an. Weder vorwurfsvoll noch verständnisvoll. Es war der Blick von Menschen, die gemeinsam feststellen, dass sie einen Fehler gemacht hatten, ohne bereits entschieden zu haben, wer dafür verantwortlich war.
Die Rückfahrt zum Ufer verlief langsamer. Nicht aus Einsicht. Geschwindigkeit hatte bei allen Beteiligten ihren Reiz verloren. Am Ufer stellte sich dann das Problem der Kleidung. Das Interview musste schließlich fertig werden. Der Interviewer hatte nichts zum Wechseln dabei. Dies hatte weniger etwas mit einem Versäumnis zu tun. Es erschien eher als Ausdruck eines grundsätzlichen Vertrauens in die Stabilität dieser Welt. Doch dieses Vertrauen war nun sichtbar beschädigt. Er zog das Sakko aus, betrachtete es kurz, als könne es sich erklären. Dann entschied er sich dagegen, diese Erklärung abzuwarten. Was blieb, war ein T-Shirt.
Er war wütend. Jedoch auf eine Weise, die sich nicht vollständig entladen konnte. Die Situation war zu banal, um sie wirklich eskalieren zu lassen. Aber auch zu wenig erfreulich, um sie einfach zu ignorieren. Also sprach er in einem Ton, der deutlich machte, dass hier etwas nicht in Ordnung gewesen war, ohne dass daraus bereits Konsequenzen abgeleitet worden wären. Anschließend wurde gefilmt. Mit einer kleinen Ersatzmaschine. Er stand vor der Kamera, jetzt in einer Version seiner selbst, die er so nicht eingeplant hatte. Er sprach die Sätze, die offenbar weiterhin als notwendig galten. Ich konnte sehen, dass er sich bemühte, den professionellen Rahmen wiederherzustellen. Aber es fehlte ihm das Material, aus dem diese Form von Selbstverständlichkeit normalerweise besteht. Der See lag im Hintergrund und verhielt sich, als sei nichts geschehen.
Ich erinnere mich nicht mehr daran, was das Thema dieses Beitrags war. Das erschien mir bereits damals als ein Detail, das sich bei dieser Geschichte nicht durchsetzen würde. Was blieb, war die kurze, sehr präzise Erfahrung, dass sich eine Situation nicht dadurch stabilisieren lässt, dass man sie für stabil erklärt.
Der Name des Sees wurde übrigens immer korrekt ausgesprochen.


